Ausstellungsankündigung Camera Austria, Graz
Eröffnung: Donnerstag, 8. Juli 2010, 18.00 h
Ausstellungsdauer: bis 5. September 2010
Iosif Király, Reconstructions
Christian Wachter, Impressions D’AFRIQUE
Die Gegenüberstellung dieser beiden Positionen lässt rasch grundlegende Ähnlichkeiten in der künstlerischen Vorgehensweise erkennen: Die Künstler zeichnet ein Interesse an der politisch-sozialen Gegenwart aus. Recherche, Dokumentation und ein über lange Zeit entstehendes Archiv fotografischer Bilder bilden die Grundlage für ihre De- und Rekonstruktionsarbeit. Thematisch gilt ihr Interesse der Beobachtung öffentlicher und privater Orte und Lebenssituationen. Ihre Arbeiten laden ein zur Reflexion über die Erfahrung von Zeit und über politische und historische Veränderungen. Hier zeigt sich eine Vorstellung von Geschichte, in der das Private – oft Intime – und das Politisch-Öffentliche nicht getrennt sind. Eines der ihnen gemeinsamen Ziele ist es, in den Schichtungen von Wahrnehmung, Erfahrung und Erinnerung Sinn aufzuspüren und die BetrachterInnen und LeserInnen ihrer Werke daran teilhaben zu lassen.
Immer bestehen ihre Arbeiten aus mehr als einem Bild: In der künstlerischen Umsetzung ihrer Ideen bedienen sie sich der Bild-Montage, wobei sie zu unterschiedlichen Methoden greifen und zu verschiedenen ästhetischen Ergebnissen kommen. An den Schnittstellen zwischen den Bildern kann Bedeutung entstehen, kann der Betrachter mit seiner eigenen Erfahrung den verschiedenen Erzählsträngen und Zeitstrukturen folgen, die in beiden Werken strukturell wirksame Elemente sind. Die Verschränkung von unterschiedlichen Themen innerhalb einer Reihe von Bildern, die so zu einer neuen Erzählung geordnet werden (bei Christian Wachter), die Montage von Bildern einer Situation, die zu verschiedenen – oft weit auseinander liegenden – Zeitpunkten aufgenommen wurden, zu einem perspektivisch einheitlichen, jedoch zeitlich diskontinuierlichen Ganzen (bei Iosif Király), löst die Wirkung der Einzelbilder in narrative Zusammenhänge auf. Nicht zuletzt lädt die Anordnung der Bilder im Raum auch zum Abschreiten der “Sätze” ein, die durch Bilder, deren Zusammensetzung, Analogien und Kontraste entstehen und in der räumlichen und zeitlichen Distanz erfahren werden können.

Iosif Király, Reconstruction – Hunedoara_Castle_1, 2009.
IOSIF KIRÁLY: Reconstructions
Dieses im Jahr 2000 begonnene Projekt stellt (wie der Künstler sagt) den Versuch dar, “mit Hilfe der Fotografie Schnitte durch verschiedene, früher oder später erlebte Situationen zu verfertigen, eine Untersuchung darüber zu machen, wie ich mich an Menschen, Orte, Ereignisse erinnere (und sie vergesse). ‘Reconstructions’ besteht aus zusammengesetzten Bildern, wobei jeder Schnappschuss ein Byte an gespeicherter Information darstellt.”
Der Umstand, dass die einzelnen Schnappschüsse aus dem fast gleichen Blickwinkel, aber zu unterschiedlichen Zeiten (Minuten, Tage, Monate, oft sogar Jahre später) aufgenommen wurden, verleiht dem fertigen Bild räumliche Kohärenz bei gleichzeitiger Diskontinuität. Jede Rekonstruktion ist von mehreren Faktoren beeinflusst: dem Kontext, in dem sie auftritt, dem Gefühlszustand im Moment des Erinnerns, der Erfahrung, die zwischen Erleben und Erinnern anzusiedeln ist, usw. So wird einigen Details größere Bedeutung zugeschrieben als anderen, spezifische Momente treten mit der Zeit hervor, während andere verblassen oder ganz verschwinden und durch einzelne Ausschnitte ersetzt werden, die von späteren Ereignissen stammen oder nur indirekt erlebt wurden, aber unbewusst für selbst erlebt gehalten werden – etwa Informationen aus Massenmedien und anderen Quellen.
“Reconstructions” sind Bildmontagen, deren einzelne Bildelemente – Schnappschüsse – die kleinste Informationseinheit darstellen. Die Schnittstellen zwischen den einzelnen Aufnahmen markieren sichtbar den Gestus des Zusammenfügens, dokumentieren den prüfenden und ordnenden Blick, unter dem diese Bildteile ein neues, jedoch diskontinuierliches Bild ergeben. In den ersten Montagen waren die Einzelbilder mit Klebestreifen und einander überlagernd so zusammengefügt, dass die Übergänge hervorgehoben und die Schnittstellen auch als Schichtung mehrerer Fotografien betont wurden. Die später und bis heute eingesetzte Digitaltechnik ermöglicht zwar die Zusammenstellung mehrerer Aufnahmen auf einem einzigen Bildträger, die Risse in der Wahrnehmung, die Spannung zwischen den unterschiedlichen Feldern und Flächen, sind jedoch weiterhin Grundlage unserer Bildwahrnehmung.
Király kommt aus der Architektur, er ist bildender Künstler, Gründer und heute Leiter der Abteilung für Fotografie und Time-Based Media Arts an der Staatlichen Universität der Künste in Bukarest. Die Beobachtung und Kommentierung urbaner und sozialer Veränderungen im postkommunistischen Rumänien stehen im Mittelpunkt seiner Arbeit, die oft in Zusammenarbeit mit anderen KünstlerInnen entsteht. So hat er u.a. mit Călin Dan unter dem Namen subREAL eine wichtige Position insbesondere innerhalb einer zeitgenössischen rumänischen Kunstszene eingenommen, die sich mit den Effekten der politischen Wende in Rumänien 1989 auseinander setzte. Als Mitglied einer Gruppe von Architekten führt er darüberhinaus seit 2000 Untersuchungen durch, aus dem das Projekt “Tinseltown Buzescu” hervorging, die Beobachtung, Dokumentation und Rekonstruktion baulicher (Stil-) Eigenheiten und (urbaner) Entwicklungen einer Roma-Siedlung im Süden Rumäniens, das wir, mit einem Text von Rolf Sachsse, in Camera Austria Nr. 102/2008 publiziert haben.

Christian Wachter, Burkina Faso 1985/1999; Paris 2002, aus: Impressions D’AFRIQUE: Die Unvergleichlichen.
CHRISTIAN WACHTER: Impressions D’AFRIQUE
Erstmals wird diese zwischen 1998 und 2006 entstandene Arbeit des österreichischen Künstlers Christian Wachter als Ausstellung gezeigt, nachdem sie zuerst in Form eines Künstlerbuches vorlag – eine Form, die sich geradezu anbot, um die verschiedenen Erzählstränge des Werkes in einzelne Kapitel und diese in die Sequenz einander folgender Seiten zu ordnen. Für die Ausstellung haben die unterschiedlichen Teile des Projektes, nachdem sie nun räumlich auf einander Bezug nehmen, eine neue Gewichtung erfahren: “Les Incomparables / Die Unvergleichlichen”, eine Serie von rund sechzig Fotografien, deren Reihenfolge dem zentralen Kapitel des Künstlerbuches entspricht, bildet den größten Korpus der Ausstellung. Der Titel von Christian Wachters Projekt “Impressions D’AFRIQUE” ist dem 1910 erschienenen Buch von Raymond Roussel entlehnt. Roussel beschreibt hier, in einer Umkehrung des kolonialen Blick-Regimes, wie eine Gruppe europäischer, in Afrika gestrandeter und dort gefangen gehaltener Schiffbrüchiger, genannt “les incomparables”, vor König Talou im Urwald ihre Kunststücke aufführen muss. Das Unvergleichliche kann für den Versuch einer Beschreibung stehen, in der alles – das Private und Öffentliche, selbst Erfahrenes wie empfangenes, vermitteltes Wissen – Platz findet. Voneinander inhaltlich unabhängige, einzig durch Begegnungen mit Personen und die Wahrnehmung des Autors verbundene Fäden werden aufgenommen und zu einer Erzählung verwebt. Ortsangaben und Aufnahmedaten – Wien, Paris, Burkina Faso, Yamoussoukro, Basel – lassen uns diese Arbeit auch als Reiseerzählung lesen. Auf die visuelle Lesbarkeit der Bilder allein angewiesen können vor allem zwei zusammengehörige Bildgruppen identifiziert werden: zum einen Schnappschüsse von Akrobatik-Vorstellungen (hier handelt es sich um Aufnahmen der “Acrobates de Kadiogo”, die während der Zeit marxistisch orientierter Politik unter Präsident Thomas Sankara im Burkina Faso der 1980er Jahre aufgetreten sind), die Wachter von einem der Protagonisten zur Reproduktion übergeben worden waren; zum anderen eine Serie von Porträts, in der das Haare machen, Frisur und Haltung zum wiederkehrenden Motiv werden; Stillleben und Aufnahmen von Objekten in europäischen oder afrikanischen Wohn- und Arbeitssituationen rahmen und verbinden diese beiden Themen.
Eine Gruppe von zehn schwarz/weiß-Fotografien, als “Koda” wie im Buch bezeichnet, bildet in der Ausstellung den Rahmen für eine Zone, in der die Lektüre des Künstlerbuches und die Sichtung zweier Video-Filme angeboten wird. “L’Intannable” ist Joseph Conombo gewidmet (geb. 1917, Arzt, Politiker, Schriftsteller), der zu jener Generation gehört, die Afrika von der Kolonialzeit, durch die Befreiungsbewegungen bis ins späte 20. Jahrhundert geprägt und die zeitweise auch die Geschicke der neuen Nationalstaaten gelenkt haben – wie auch Félix Houphouët-Boigny, Freund und Studienkollege Conombos und langjähriger Präsident der Elfenbeinküste, mit dem der zweite Film verbunden ist. “Krebsgang” versucht, die absurde, gigantische Replik des Petersdoms – die Kathedrale Notre Dame de la Paix – in Yamoussoukro, wo dieses größte Bauwerk Afrikas steht, zu fassen. Das Studium dieser Materialien kann zur Entschlüsselung der “Unvergleichlichen”, und zur Reflexion über “Eindrücke aus Afrika” beitragen. Wie in der Arbeit von Wachter insgesamt – im Kontext österreichischer, zumal fotografischer Kunstproduktion sicherlich einzigartig – ist es gerade diese Paarung von wissenschaftlicher Recherche und ästhetischer Wirkung, die den Betrachter einladen soll, sich auf – durchaus eigenem Wege – eine Erkundungsreise zu begeben. (s. dazu etwa Wachters Projekt “Aurora”, als Buch von Camera Austria 1990 herausgegeben, oder seinen Beitrag zu Camera Austria Nr. 57-58/1997) Für die Ausgabe Camera Austria Nr. 111 (September 2010) wird ein Beitrag zu dieser Arbeit mit einem Text von Ruth Sonderegger vorbereitet.
Christine Frisinghelli
CAMERA AUSTRIA
Lendkai 1, 8020 Graz, Austria
T. + 43 / (0) 316 / 81 55 500
F. + 43 / (0) 316 / 81 55 509
www.camera-austria.at
