Schon wieder und nochmal? – Handlungsspielräume
mit/with: Claudia Aravena Abughosh, Daniela Comani, Marianne Flotron, Andrea Geyer, Melanie Gilligan, Ana Husman, Nina Höchtl, Siniša Labrovic, Stefan Panhans, Dita Pepe / Petr Hrubes, Laura Ribero, Frank Westermayer / Sylvie Boisseau, Chto delat? / What is to be done, Carey Young
Kuratorin/Curator: Sabine Winkler
Die Ausstellung „Schon wieder und noch mal? – Handlungsspielräume“ beschäftigt sich mit imaginären, symbolischen und realen Handlungsstrukturen und Verhaltensmustern. Der Frage nach dem „richtigen“ Verhalten geht eine generelle Verunsicherung voraus, die individuelle als auch gesellschaftliche Handlungsweisen betrifft.
Peter Sloterdijks Abhandlung „Du musst dein Leben ändern“ propagiert das Üben als immer notwendiger werdendes Instrument, um in einer Leistungsgesellschaft mithalten zu können, und begibt sich damit in die Nähe neokonservativer Inhalte, die Leistung und leistungsorientiertes Handeln als oberstes Gebot versteht, ohne die damit verbundenen Lebensbedingungen genauer zu betrachten oder deren Folgen zu sehen. Inwieweit prägt und verändert die Vermittlung neokonservativer Werte das Alltagsleben, die Arbeit und den privaten Bereich, ohne dass dieser Entwicklung genug Aufmerksamkeit geschenkt werden würde? Werden nicht prekäre Arbeitsverhältnisse, der Rückzug des Sozialstaates, Privatisierungen, eine Umverteilung von unten nach oben, restriktive Migrationspolitik, aber auch die Übertragung von ziel- und leistungsorientiertem Agieren in den privaten Bereich, bei der Partnersuche zum Beispiel, als normale oder notwendige Handlungsweisen verinnerlicht? Inwieweit bestimmen diese kompetitiven Richtlinien individuelle Lebensbedingungen und wie werden sie übertragen?
Die Ausstellung beschäftigt sich mit zwei Übertragungs-Phänomenen dieser die letzten drei Jahrzehnte prägenden Entwicklung: auf imaginärer Ebene wird die Frage gestellt, inwieweit die in Filmen und Serien propagierten Verhaltensmuster private als auch gesellschaftliche Handlungsweisen prägen. Bilden diese Identifikationsvorgaben Vorlagen für Selbstbildbestimmungen und wird dadurch normiertes Verhalten eingeübt? Und werden auf symbolischer Ebene nicht genau diese Verhaltensweisen, die in den Serien vermittelt werden, in Coachingprogrammen trainiert? Werden in den diversen Coaching-Programmen nicht aus der Wirtschaft und aus dem Sport übernommene und in den Serien transportierte Erfolgs-Effizienz-Rezepte eingeübt? Und wird dieser Verhaltenskanon nicht auf alle Lebensbereiche übertragen, indem diese Handlungsweisen im alltäglichen Bewusstsein verankert werden. Die Integration in diese symbolischen gesellschaftlichen Ordnungssysteme und das Aneignen der damit verbundenen kompetitiven Techniken wird als notwendiges Mittel zum Erfolg präsentiert. Diese Wechselwirkungen und Verbindungen von Wahrnehmung, Übertragung und Handlung sollen genauer beleuchtet werden.
Wahrnehmungen, die auf imaginären Ebenen wie Film und Fernsehen basieren, können Verhaltensweisen prägen oder auch Handlungsweisen initiieren. Z.B. das Studium bestimmter Fächer, Verhaltensmuster, die einem bestimmten Lebensstil zugeordnet werden oder Inhalte eines bestimmten Wertsystems transportieren, sowie Disziplinierungsmaßnahmen können übertragen werden. Neokonservative Inhalte werden medial vermittelt und als Ausgangspunkte für das Training bestimmter Verhaltensmuster verwendet, die zu bestimmten codierten Handlungsweisen führen sollen. Leistung, Leistungssteigerung, Optimierung und Verwertbarkeit werden so zu den entscheidenden Maßstäben kapitalisierter Gesellschaften gemacht und als unumgängliches Überlebensinstrument, – nicht mehr nur als Erfolgsrezept – verkauft. Die Forderung nach Leistungssteigerung läuft parallel zum Wirtschaftswachstum, eine Entwicklungen, die darauf abzielt, soziale Systeme zu untergraben oder abzuschaffen. Das Interesse besteht darin, neokonservative Inhalte und Wertvorstellungen und Handlungsvorgaben soweit zu indoktrinieren, bis sie in der Gesellschaft so verinnerlicht sind, dass jegliche alternative ökonomische und gesellschaftliche Handlungsform als utopisch oder sozialistisch verunglimpft wird.
Neben diesen in Coachingprogrammen trainierten Verhaltensweisen, die bestimmte Handlungsweisen initiieren sollen, wird die Frage nach einer Handlungsethik auf realer Ebene, jenseits von normierten Handlungsmustern gestellt. Die Konfrontation mit dem Realen, oder den daraus resultierenden Handlungsweisen weist auf diese normierten Strukturen hin und macht sie sichtbar.
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The exhibition is about imaginary, symbolical and real action structures and behaviour patterns. The question about the “real“ conduct is preceded by a general insecurity, which concerns individual and social action structures.
Peter Sloterdijk’s essay „You must change your life“ advocates that practice would become increasingly more necessary as a means to stand the pace with an achievement-oriented society. He thus approaches neo-conservative issues, which understand performance and achievement-oriented action as a prime principle – without studying the life conditions linked to it or seeing their consequences. To what extent does the communication of neo-conservative values influence and impact every day life, work and the private realm without paying enough attention to this development? Are not precarious work conditions, the withdrawal of the welfare state, privatizing, a redistribution from the bottom up, restricted migration politics but also the transference of target- and performance-oriented action in the private realm, for instance in dating, internalized as normal or necessary behavioural patterns? To what extent do those competitive rules determine the individual life conditions and how are they transferred?
The exhibition analyses two phenomena of transference of this development, that has influenced the last three decades: on an imaginary level it is questioned, how far behaviour models propagated in movies and serials also influence private action. Do these role models intend the definition of a self-image and standard behaviour? And are not exactly these behavioural patterns trained in the frame of coaching programmes in order to drill the success-efficiency-formula that is borrowed from the economy and sports and broadcasted in serials? And is this principle of behaviour not transferred to all spheres by embedding these action models in the every day consciousness. The integration of these symbolical social classification systems and the appropriation of the competitive competences linked to it, is presented as necessary means to succeed. The interaction and connections of perception, transference and action shall be explored.
Perceptions which are based on imaginary levels like film and television can influence behavioural patterns or initiate action. For example, the study of certain subjects, behaviour patterns which are ascribed to a certain life style or transport issues of a certain value system, as well as discipline measures can be transferred. Neo-conservative issues are transported by the media and are used as basis for the training of particular behaviour patterns, which shall lead to certain coded action. Performance, increased efficiency, optimization and applicability are thus made the crucial standards of capitalized societies and are sold not only as formula to succeed but as imperative necessity. The claim for an increased performance runs parallel to the economic growth, a development aiming at undermining and abolishing social systems. The interest is focused on an indoctrination of neo-conservative issues, moral concepts and guidelines for action to such an extent that they are internalized in the society with the result that all alternative economic and social action is disparaged as utopian or socialist.
Beside the action patterns that aim to trigger certain behaviour and are trained in coaching programmes, the question of a code of ethics on a real level, beyond standardized action is posed. The confrontation with the real or the resulting action refers to and uncovers these standard structures.
Sabine Winkler
Ausstellung im Dialog mit “Der tägliche Aufstand”, rotor, Volksgartenstraße 6a, 8020 Graz
Dank an/Thanks to KulturKontakt Austria, Institut für Auslandsbeziehungen e. V. (ifa)
Gefördert von/Supported by Land Steiermark, BMUKK Wien, Stadt Graz

