Die Ausstellung A.rtificial I.ntrospection O. (A.I.O.) untersucht Denken, Wahrnehmung und Subjektivität im Spannungsfeld von Selbstbeobachtung, Kybernetik und Künstlicher Intelligenz. Ausgangspunkt ist das Werk des österreichischen Schriftstellers, Denkpsychologen und Kybernetikers Oswald Wiener (1935 – 2021), dessen originäres Werk sich seit den 1950er-Jahren kritisch zwischen diesen Feldern bewegte und sich systematisch der institutionellen Vereinnahmung entzog.

Kurator:innen: Sandro Droschl mit Franca Zitta
Kuratorische Beratung, Nachlass Oswald Wiener: Thomas Eder, Thomas Raab
Kooperation: Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung / Literaturhaus Graz: Klaus Kastberger, Daniela Bartens
Im Zentrum seiner Untersuchungen steht das menschliche Denken und Bewusstsein, denen Wiener sich zeitlebens abseits des wissenschaftlichen Betriebs mit einem unorthodoxen und inspirierenden Zugang widmete. Seine Arbeiten formulieren früh zentrale Fragestellungen der Künstlichen Intelligenz und der Probleme ihrer theoretischen und konzeptuellen Voraussetzungen. Für Wiener ist Bewusstsein nicht sprachlich organisiert und kann daher nicht auf dem aktuellen Stand der Technik simuliert werden.
Zentral für die Ausstellung ist Wieners Konzept der Selbstbeobachtung als denkpsychologische Praxis, die er im Laufe seines Lebens immer wieder adaptierte, neu ausrichtete und zuerst literarisch und dann wissenschaftlich akzentuierte. Sein Buch die verbesserung von mitteleuropa, roman (1969) und spätere Texte bilden einen theoretischen und experimentellen Bezugspunkt der Ausstellung. In Auseinandersetzung mit Alan Turings Automatentheorie, Ludwig Wittgensteins Sprachkritik und kybernetischen Konzepten entwickelt Wiener eine radikale Kritik des humanistisch aufgefassten Subjekts. Im Appendix des Werkes, dem teils ironischen bio-adapter, erscheint der Mensch nicht als autonomes Bewusstseinswesen, sondern als Automat, der sich mit der Umwelt in Form eines technischen Befriedigungsanzugs auflöst.
Aus der Kybernetik ist der vom britischen Mathematiker Alan Turing 1950 formulierte Turing-Test bekannt, der Unterscheidbarkeit von Maschine und Menschen durch Einschätzung von Sprachäußerungen prüft. Ist für einen Fragesteller nicht erkennbar, welches Gegenüber der Mensch und welches die Maschine ist, müssen diese als äquivalent verstanden werden. Bewertet wird dabei menschlich wirkendes Verhalten in Bezug auf Sprachfähigkeit und plausible Antworten, nicht jedoch Intelligenz. Das Problem des Turing-Tests bestand Wiener zufolge in einem behavioristischen Zugang, der auf der Beobachtung von Ereignissen und darauf ableitbaren Statistiken beruht, das subjektive Bewusstsein jedoch ignoriert. Was Turing nicht berücksichtigte, waren die nicht beobachtbaren Qualitäten des menschlichen Denkens wie Vorstellungen, Emotionen, Wahrnehmung und Weltverständnis.
Wiener stellte sich diesen Menschheitsfragen und arbeitete an einer Theorie des Denkens, indem er die auf Formalisierung beruhenden Automatentheorie durch Selbstbeobachtung ergänzte, um zu belastbaren Definitionen zu gelangen, mit denen menschliches Denken und Bewusstsein erklärbar werden könnten.
Die Ausstellung
A.rtificial I.ntrospection O. setzt Wieners theoretische Positionen in Beziehung zu zeitgenössischen künstlerischen Praktiken, die sich mit Selbstwahrnehmung und Kybernetik auseinandersetzen. Dabei wird Kunst nicht als Gegenmodell zur Technik verstanden, sondern als ein Feld, in dem ähnliche Übersetzungsprozesse wirksam sind wie in der Kybernetik: visuelle, sprachliche und affektive Informationen werden codiert, decodiert und in zirkulierende Systeme überführt. Vor dem Hintergrund einer gegenwärtigen Situation, in der algorithmische Systeme zunehmend Entscheidungen in Verwaltung, Recht, Kommunikation und Militär unterstützen und in der KI-basierte Sprachmodelle menschliche Kommunikation simulieren, gewinnt Wieners skeptisches Denken neue Dringlichkeit. Die Ununterscheidbarkeit von menschlicher und maschineller Sprachproduktion, wie sie im Turing-Test paradigmatisch angelegt ist, verschiebt die Frage von Intelligenz hin zu Fragen der Beobachtbarkeit, Kontrolle und Selbstbeschreibung.
Die Figur des Dandys, die Wiener faszinierte, verbindet die erhoffte Distanzierung vom Mechanischen mit einem nach Innen gewendeten Selbstverständnis. So bildet sie ein Scharnier zwischen solipsistischer Selbstbeobachtung und sozialer Einbettung des Subjekts. Heute erscheint dies deutlich schwieriger. A.I.O. begreift Selbstbeobachtung des menschlichen Denkens nicht nur als künstlerische Forschung, sondern als politische und epistemische Praxis: als Möglichkeit, das zunehmend intime Verhältnis zwischen Körper, Sprache und automatisierten Systemen kritisch zu reflektieren. Die Ausstellung öffnet den historischen Horizont von Wieners Denken hin zu befreundeten Künstler:innen und einer jüngeren Generation, die seine Fragestellungen nicht fortschreibt, sondern unter gegenwärtigen Bedingungen neu konfiguriert. Nicht Fortschritt oder Innovation stehen im Zentrum, sondern die Frage, wie Subjektivität unter kybernetischen Bedingungen darstellbar bleibt – und ob Selbstbeobachtung und Selbstoptimierung, wie Wiener vorschlug, eine letzte Form von Handlungsmacht darstellen.
Welche Auswirkungen kybernetische Intelligenz auf unser tägliches Leben, unsere Körper und unsere Sprache haben wird, bleibt teilweise offen und lässt sich bislang nur erahnen; sie sind und werden jedenfalls beträchtlich sein. Die experimentelle Ausstellung A.I.O. versucht, die Ideen Oswald Wieners künstlerisch fruchtbar zu machen, und darüber hinaus zu gehen. Sie beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Kybernetik und Selbstbeobachtung – und befragt damit die Wechselwirkung von Mensch und Maschine.
Die Ausstellung wird von einem ausführlichen Rahmenprogramm begleitet, das im Literaturhaus Graz mit einer szenischen Lesung des Planetenparty Prinzip und einer Gesprächsrunde unter prominenter Beteiligung am 28. Mai beginnt. Im aufgeführten Text Purim wird Sprache als Störsystem durch Umkehrungen, Maskierungen und Grenzauflösungen radikalisiert, was eine produktive Selbstbeobachtung erleichtert.
