Tribute ist eine Lesereihe, in der die Teilnehmer:innen eingeladen sind, einen Text beliebiger Art auszuwählen und vorzutragen, sofern dieser von einer anderen Person verfasst wurde und dem gewählten Thema entspricht.
Die von der Künstlerin und Autorin Bryony Dawson ins Leben gerufene Reihe Tribute versteht die Live-Lesung als Ort der Begegnung zwischen Stimmen sowie verschiedenen Sprachformen und ‑registern. Anstatt Originalität oder Urheberschaft in den Mittelpunkt zu stellen, rückt sie die Beziehung zwischen einem Leser und den Worten eines anderen in den Fokus und erkennt dabei an, dass unser Denken, Sprechen und Schreiben stets von unzähligen äußeren Stimmen geprägt ist. Die Reihe lädt die Teilnehmer:innen dazu ein, damit zu experimentieren, wie sie diesen Einflüssen „Ehre erweisen“, sei es aus Bewunderung, Identifikation, Nostalgie, Kritik oder intellektueller Reibung.
Diese von Bryony Dawson und Caro Feistritzer konzipierte Ausgabe von Tribute lädt Leser:innen dazu ein, Texte auszuwählen, die auf das Werk und Vermächtnis von Oswald Wiener reagieren, einem österreichischen Avantgarde-Schriftsteller, Künstler, Philosophen und späteren Informatiker. Wieners Werk verband Literatur, künstliche Intelligenz und Bewusstseinstheorien, wandte sich jedoch später der Kybernetik, Mathematik und Informatik zu, nachdem er zu dem Schluss gekommen war, dass Kunst allein das Denken nicht erklären könne. Beeinflusst von Ludwig Wittgenstein und Alan Turing entwickelte Wiener eine interdisziplinäre Theorie des Denkens, in deren Mittelpunkt die Selbstbeobachtung sowie die Vorstellung standen, dass das Denken der Sprache vorausgeht. Er nahm moderne Debatten über virtuelle Realität und KI durch Konzepte wie den „Bio-Adapter“ – eine maschinengenerierte künstliche Realität – vorweg und argumentierte, dass KI-Systeme zwar menschliches Verhalten durch statistische Mustererkennung imitieren können, es ihnen jedoch an echtem Verständnis, Bewusstsein und subjektiver Erfahrung mangelt. Seine Arbeit kritisiert letztlich rein behavioristische Modelle der Intelligenz und betont, dass menschliches Denken verkörpert und selbstreflexiv ist und sich nicht vollständig auf Algorithmen oder Datenverarbeitung reduzieren lässt.